Neuroleptika können und müssen in minimaler Dosis eingesetzt werdenEin weiteres Mal hat Dr. Volkmar Aderhold von der Universität Greifswald die Fachliteratur gesichtet und belegte Argumente gesammelt, die die landläufige Wertschätzung für Neuroleptika als das zentrale Behandlungsinstrument für schizophrene und andere psychotische Störungen als unberechtigt einstufen.
Zunächst wird wissenschaftlich fundierte Kritik an der aktuellen Praxis geübt, dann werden Schritte zu einer angemessenen Behandlung mit Neuroleptika aufgezeigt. Wer lieber den noch ausführlicheren Original-Artikel mit allen Fachvokabeln und Quellenhinweisen lesen möchte, muss bitte hier klicken.
Sehr zur Freude von Dr. Aderhold hat eine Weile später die Arbeitsgruppe "Biologische Psychiatrie" der Bundesdirektorenkonferenz Stellung bezogen, diese wird hier dokumentiert.
Die Entgegnungen konnten aber so nicht stehen bleiben, Dr. Aderhold hat darauf geantwortet und auch dieses Dokument sollte man sich nicht entgehen lassen.
Aber zunächst mal die Zusamenfassung des Ausgangs-Artikels:
Interkultureller Vergleich
Interkulturelle Vergleiche zeigen, dass Menschen mit Schizophrenie in Entwicklungsländern wie Indien, Nigeria und Kolumbien sehr viel seltener mit Neuroleptika behandelt werden, aber insgesamt deutlich weniger Episoden und mehr vollständige Remissionen erleben. Während in den Industrienationen je nach Untersuchung nur 6% - 32% der Patienten mit einer Episode auskommen, liegt der Vergleichswert in den ländlichen Regionen bei 42% - 54%. Chronifizierung und soziale Abhängigkeit dürften also nicht krankheitsimmanent bedingt sein, vielmehr sind psychosoziale und behandlungsbedingte Einflüsse anzunehmen.
Rezeptor-Blockade
Während einer akuten Psychose kommt es zu erhöhter Ausschüttung von Dopamin. Das Warum ist noch unbekannt, ebenso der Grund für das Ende dieser erhöhten Produktion nach Abklingen der akuten Phase, aber so kann man es beobachten. Bei einem größeren Teil der als schizophren diagnostizierten Menschen findet sich geradewegs ein dauerhafter Mangel an Dopamin in bestimmten Hirnregionen.
Neuroleptika wirken nun allesamt nicht ursächlich auf die erhöhte Dopaminausschüttung, sondern sie blockieren die dazu gehörigen Rezeptoren und das auch noch, wenn die erhöhte Produktion längst normalisiert ist. Zudem gibt es ein deutliches Risiko, das so genannte „therapeutische Fenster“, in dem tatsächlich antipsychotische Effekte erzielt werden können, zu verfehlen. Überdosierungen führen zur Entstehung oder Verstärkung diverser unerwünschter Nebenwirkungen. Auch der günstige serotonerge Mechanismus der Atypika verliert sich bei Überdosierung.
Up-Regulation
Bereits wenige Wochen nach Beginn der Rezeptoren-Blockade setzt eine Neubildung von Rezeptoren ein, die Zahl der Nervenenden steigt um rund 40%, das hat Konsequenzen, u.a.:
- Die Dosierung steigt im Lauf der Behandlung an, ggf. bis zur Überschreitung des therapeutischen Fensters oder gar bis zur Neuroleptikaintoleranz.
- Absetzversuche führen zu kurzfristige Reboundphänomenen, abrupte Absetzungen haben eine 3 – 6fache Rückfallrate.
- Folgeepisoden werden von verstärkter Positiv~ und Negativsymptomatik begleitet.
- Die Vulnerabilität für Psychosen steigt.
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass Kontrollgruppen mit neuroleptikafreier Akutbehandlung oder auch unter Niedrigdosierung signifikant geringere Rückfallquoten aufweisen und die deutlich besseren Absetzungsaussichten haben. Das heißt: Der Drehtüreffekt ist zumindest zum Teil ein Effekt der Neuroleptika!
Partielle und Non-Responder
Einerseits entwickeln sich positive Symptome auch unabhängig von Dopamin-Mechanismen, nur knapp ein Drittel der Ereignisse läst sich hierauf zurückführen. Vielleicht deshalb erweisen sich ein Viertel aller akut psychotisch Erkrankten gegenüber blockierenden Neuroleptika als resistent. Die im Behandlungsalltag oft typische frühzeitige Höherdosierung erzeugt also zusätzliche schädigende Effekte.
Negativ-Symptomatik
Man unterscheidet drei Formen der Negativ-Symptomatik, die primäre ist relativ andauernd, die sekundäre eher vorübergehend, die dritte entsteht in der Folge von dauerhafter Rezeptoren-Blockade durch Neuroleptika. Leider lassen sich diese drei Formen nicht sicher voneinander unterscheiden. Allerdings korreliert das Ausmaß der Blockade mit der Ausprägung der Negativ-Symptomatik.
Eine günstige Beeinflussung der Negativ-Symptomatik durch Neuroleptika konnte ausschließlich bei niedrig dosierter (5 mg) Monotherapie mit Olanzapin (Zyprexa) oder Amisulprid (bis max. 100 mg) beobachtet werden. Dieser Effekt muss aber vorsichtig betrachtet werden, da die Kontrollgruppe ungeschickt ausgewählt wurde. In allen anderen Fällen muss man davon ausgehen, dass eine Negativ-Symptomatik zumindest anteilig von Neuroleptika ausgelöst wurde.
Eine Negativ-Symptomatik wird also am besten durch möglichst geringe Dosierung vermieden. Im Alltag liegt allerdings die Dosierung bei vielen Patienten sogar oberhalb der oberen Dosisempfehlung der Leitlinienempfehlungen.
Neurokognition
Neurokognition steht u.a. für Arbeitsgedächtnis, verbales Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Problemlösen, logisches Denken und anderes mehr und ist eine Funktion des präfrontalen Kortex. Ausgerechnet hier lässt sich bei schizophrenen Patienten häufig ein anscheinend dauerhafter Mangel an Dopamin beobachten. Neuroleptika, auch Atypika, beeinträchtigen die ohnehin eingeschränkte Neurokognition zusätzlich.
Neurodegeneration
Mit modernen bildgebenden Verfahren konnte gezeigt werden, dass es bereits nach kurzfristiger (2 – 8 Wochen) Einnahme von Neuroleptika zu Neurodegeneration, also Abnahme der grauen Hirnsubstanz, kommt. Dieser Effekt ist vermutlich kumulativ und dosisabhängig. Der Effekt ist nicht bestritten, wird aber gern auch als direkte Krankheitsfolge interpretiert, obwohl die Verluste unter Clozapin und Olanzapin vermindert sind. Daraus wird dann die bessere Krankheitsbeeinflussung durch diese Präparate als Erklärung angeboten.
Mortalität
Die Lebenserwartung von Menschen mit Psychosen ist um 25 – 32 Jahre verkürzt, dazu tragen Neuroleptika bei. Der Abstand der Mortalitätsrate der Schizophreniekranken im Vergleicht mit der Allgemeinbevölkerung ist seit Einführung von Neuroleptika größer geworden, die höchsten Raten finden sich in hoch entwickelten Ländern (Irland, Deutschland, Japan, Hongkong, Niederlande).
Verantwortlich sind vor allem Herzrhythmusstörungen und Stoffwechselprobleme (Blutfette, Diabetes, Übergewicht), fast die Hälfte der langfristigen Neuroleptika-Patienten entwickelt ein metabolisches Syndrom. Dadurch wiederum verdoppelt sich das 10-Jahres-Risiko für Angina pectoris, Herzinfarkt und plötzlichen Herztod.
Andere Folgeerkrankungen sind u.a. Gefäßerkrankungen, Diabetes, Altersdemenz, Lungenembolien, Asthma, Kreislaufschwäche bis hin zum Atemstillstand, Erkrankungen des Herzmuskels, Darmverschluss etc. Hat das metabolische Syndrom zum Diabetes geführt, hat der Patient ein 7-fach erhöhtes Risiko für eine koronare Herzerkrankung binnen 10 Jahren.
Die Zahl der gerauchten Zigaretten korreliert signifikant mit dem Ausmaß der Rezeptor-Blockade, so sind Neuroleptika zum Teil auch für die Risiken durch Tabak-Konsum verantwortlich.
Die Verminderung der Lebenserwartung durch langfristigen Gebrauch von Neuroleptika liegt bei 15 bis 25 Jahren und ist abhängig von der Substanz, der Dosishöhe und der Anzahl der gleichzeitig verabreichten Mittel. Die Risiken sind bei Vorliegen eines metabolischen Syndroms unter Atypika längerfristig anscheinend höher als unter Typika.
Dennoch zeigen Untersuchungen, dass 20% der Patienten eine Dosierung oberhalb des empfohlenen Bereiches und 48% mehr als ein Neuroleptikum haben. Dies kann nur als Ausdruck therapeutischer Hilflosigkeit und eines reduzierten biologistischen Krankheitsverständnisses aufgefasst werden.
Langzeitbeobachtungen
Neuroleptika haben den Anteil deutlich gebesserter Patienten geringfügig verbessert im Vergleich zum Zeitalter von Insulin~ und Elektroschocks, womit jedoch eine erhebliche Verschlechterung verbunden war. Und auch die von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre beobachtete Abnahme deutlich gebesserter Patienten ist ein Hinweis auf ungünstige Wirkungen der Neuroleptika, sie führen zu erhöhten Rückfallraten und vermehrter sozialer und ökonomischer Abhängigkeit.
Schlicht falsch ist die Behauptung, die Enthospitalisierung sei erst durch Neuroleptika möglich geworden. In Großbritannien begann Enthospitalisierung weit vor 1954 und zeigt keinen spezifischen Anstieg nach Einführung der Neuroleptika. In den USA wurde während der Enthospitalisierung eine Verlängerung der individuellen Hospitalisierungsdauer durch Neuroleptika festgestellt und nur 25% der erfolgreich Enthospitalisierten nahmen kontinuierlich Neuroleptika.
Perspektive
Grundsätzlich neue pharmakologische Sunstanzen sind nicht in Sicht und das, was in Aussicht gestellt ist, erscheint keineswegs unproblematisch. Es ist also keinesfalls gerechtfertigt, in der Hoffnung auf neue Substanzen auf die Entwicklung von psychosozialen Behandlungsstrategien zu verzichten.
Atypika haben die Nebenwirkungen nur verlagert, einen insgesamt besseren Krankheitsverlauf konnten die Neuroleptika nicht herbeiführen, aber sie führen zu deutlich erhöhter Mortalität. Deshalb muss eine gute psychosoziale Behandlung wieder zur Basis für jede Psychosebehandlung werden.
Schritte zu einer angemessenen Neuroleptikabehandlung
Fazit
Fundament einer guten Psychosebehandlung muss ein fokussiertes psychosoziales Behandlungsmodell sein. Neuroleptika begleiten diese Behandlung nur dann, wenn sie allein nicht hinreicht. Sie dürfen dann nur selektiv und üblicherweise in niedrigen Dosierungen eingesetzt werden.
Um dieses Ziel zu erreichen müssen sich vorhandene Behandlungssysteme darauf konzentrieren, mit größtmöglicher Normalität und direktem Lebensfeldbezug Familien und erweiterte soziale Kontexte hinzuzuziehen. Die Professionellen brauchen therapeutische Kompetenz, sollten Beziehungs- nicht nur Behandlungskontinuität anbieten und in reizschützenden, traumasensiblen, psychosebegleitenden Milieus arbeiten.
Wenn all dies gegeben ist, wäre die Quote des Neuroleptikaeinsatzes und der Dosierungshöhen nur noch ein Qualitätskriterium unter vielen.
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Dieser Text wurde von der Redaktion www.pinel.de zusammengefasst aus:
Dr. Volkmar Aderhold, Institut für Sozialpsychiatrie an der Uni Greifswald: Zur Notwendigkeit und Möglichkeit minimaler Anwendung von Neuroleptika, 04/2008
Dr. Aderhold hält trotz aller Sorgfalt Irrtümer für möglich und bittet ggf. um Zusendung kritischer Kommentare und entsprechender Belege aus der wissenschaftlichen Literatur.
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